Deutsche in Russland: 80 Jahren in Verbannung

Am letzten Maitag dieses Jahres feierte Kasachstan den Gedenktag an die Opfer politischer Verfolgung. Und nur einige Tage zuvor, am 18. Mai, wurde auch der Tag des Gedenkens an die Opfer der Deportation von Krimtataren gefeiert. Und jetzt nähert sich das tragische Datum in der Geschichte unseres Volkes – am 28. August dieses Jahres jährt sich zum 80. Mal die Veröffentlichung des stalinistischen Erlasses zur Zerschlagung der deutschen Republik an der Wolga und der darauf folgenden Deportation etwa einer Million Deutschen nach Kasachstan und Sibirien.

Heute, im Jahr des 80. Gedenktages, müssen wir uns zwangsläufig die Frage stellen: Was hat sich 30 Jahre nach der Rehabilitierung der Deutschen in Russland (im Rahmen des russischen Gesetzes „Über die Rehabilitierung der verfolgten Völkerschaften“ vom 29. April 1991) am Schicksal unseres Volkes in Russland geändert. Leider müssen wir feststellen: Es hat sich nichts geändert.

Mindestens 500.000 Russlanddeutschen leben noch immer in den Orten, an die sie in den 40er und 50er Jahren vom stalinistischen Regime verbannt wurden, dort, wo sie damals in Lagern oder unter den Bedingungen des Sondersiedlungsregimes leben mußten.

Die BRD-Regierung, die die Verantwortung an der Lösung des Problems der Russlanddeutschen übernommen hat, sieht leider ihre Rolle nicht darin, es zu lösen, sondern das Problem lediglich zu befrieden und zu neutralisieren. Das Hauptanliegen der deutschen Seite ist die Partnerschaft mit der Russischen Föderation auf dem Gebiet der Wirtschaft. Und ihre Haltung gegenüber den Russlanddeutschen ist die gleiche, die sie gegenüber den Ostdeutschen Vertriebenen in Deutschland eingenommen hat – es wird immer etwas versprochen und es wird stillschweigend auf das Ableben der Opfergeneration gewartet.

Aber die Deutschen, die während des Zweiten Weltkriegs aus Ostdeutschland und den Ländern Osteuropas vertrieben wurden, waren praktisch „interne“ Umsiedler – sie blieben in ihrem sprachlichen und kulturellen Umfeld. Diesen Vorteil hatten aber die Russlanddeutschen nicht. Sie waren aus ihrer Autonomen Republik an der Wolga und den deutschsprachigen Gebieten, die sie anderthalb Jahrhunderten bewohnten, herausgerissen und zerstreut – in die weiten Gebiete Sibiriens, Kasachstans und Zentralasiens, in ein kulturell und sprachlich völlig fremdes Umfeld.

Wir können Danke sagen für die Hilfe, die die Regierung der Bundesrepublik Deutschland heute öffentlichen Organisationen von Russlanddeutschen zur Förderung der Sprache und Kultur leistet, aber ohne kompaktes Zusammenleben hat diese Hilfe keine Auswirkungen auf die Situation der deutschen Diaspora, die immer noch eine halbe Million Menschen umfaßt. Das verstehen auch die Vertreter Deutschlands. Das ist quasi das Geld für den stillen „Abschied in die letzte Reise“. Es ist ganz offensichtlich, dass die Russlanddeutschen dem aufblühenden deutsch- russischen Geschäft geopfert werden.

In den frühen 90er Jahren wurde die Frage nach der Erlangung der ukrainischen Staatsbürgerschaft für Krimtataren, die aus dem Exil auf die Krim zurückkehrten, erfolgreich gelöst. Dies wurde durch die Vermittlung europäischer, aber auch deutscher Organisationen möglich. Den Deutschen, die aus der Wolga-Region in die zentralasiatischen Republiken deportiert wurden, wird aber trotz ihrer Rehabilitierung immer noch das Recht verwehrt, die Staatsbürgerschaft der Russischen Föderation zurückzuerlangen, aus der sie 1941 rechtswidrig vertrieben wurden. Das Schreiben mit der Bitte dieses Thema auf die Tagesordnung der nächsten Sitzung der Deutsch-Russischen Kommission für Russlanddeutsche zu setzen, das an den Vertreter für Migrationsangelegenheiten Herrn B. Fabritius am Januar 2020 gesendet wurde, blieb unbeantwortet.

All dies, sowie auch die allgemeine Abkühlung der Beziehungen zwischen Russland, der Europäischen Union und dem Westen insgesamt, wecken die Befürchtungen, dass die Russlanddeutschen wieder zu politischen Geiseln der deutsch-russischen Beziehungen werden könnten, was zu einem Anstieg der Zahl der Ausreisewilligen in ihre historische Heimat führen würde.

Im Jahr 2020 stieg die Zahl der Anträge auf Aufnahme in Deutschland um 7.000 Familien und belief sich auf 20.000 Familien, das sind etwa 60-80.000 Personen. Nur 5.000 Menschen (weniger als 2.000 Familien) erhielten den Status eines Spätaussiedlers. Den übrigen Deutschen, denen aus irgendeinem Grund die Aufnahme als Spätaussiedler verweigert wurde, steht nicht einmal der Flüchtlingsstatus zu, den Hunderttausende Menschen aus Asien und Afrika jährlich in Deutschland erhalten. Was ist das, wenn nicht die Förderung der Politik des Ethnozids und der vollständigen Assimilation der Russlanddeutschen an den Orten ihrer Deportation und in ihren Lagerorten?

Deshalb müssen die Russlanddeutschen heute, in dem 80. Jahrestag der Deportation und des Beginns der Verfolgung aus ethnischen Gründen die Schlussfolgerung ziehen: Wenn die Regierungen Russlands und Deutschlands sich nicht verständigen können oder das Problem unserer verfolgten Volksgruppe nicht lösen wollen, dann gibt es nur einen Ausweg: zu versuchen, auf dieses Problem die Organe der Europäischen Union aufmerksam zu machen. Es ist kaum vorstellbar, dass Europa, das so sensibel auf die Menschenrechtsverletzungen in der ganzen Welt reagiert und Millionen von Einwanderern die Tore nach Europa öffnet, gleichzeitig aber einen Teil des europäischen Volkes, das seit 80 Jahre in Stalinistischer Verbannung lebt, ignorieren könnte und deren Aufnahme ablehnen würde!

Andrej Triller






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