Die russlanddeutsche Herkunft: Eine weitreichende Verbindung

Vortrag auf dem ersten Weltweiten Kultur-und Wirtschaftsforum der Russlanddeutschen.

Unsere Zusammenkunft hier, beweist sehr gut, dass eine russlanddeutsche Volksgruppe kein Mythos und auch keine Vergangenheit ist. Auch wenn viele hierzulande, die mit unserem Thema nicht in Berührung gekommen sind, oder mit ihm einfach nicht näher in Berührung kommen wollen, bei dem Begriff „Russlanddeutsche“ oft nachfragen: „Ja, was denn nun? Sind das jetzt Deutsche oder Russen?“ Nein, die Antwort war, ist, und bleibt weiterhin: Russlanddeutsche. Genauso könnten sie den Angehörigen einer anderen ethnischen Minderheit – wie z.B. einen Basken fragen, ob er sich als Spanier oder Franzose, oder einen Kurden fragen, ob er sich denn als Türke, Iraker oder Iraner fühle, denn Basken wie Kurden sind ebenfalls ethnische, also kulturelle Minderheiten (und zwar ganz ohne einen eigenen Staat). Und außerdem definiert sich eine Volksgruppe nicht nach dem Geburtsort. Wie oft wurde – gerade meine Generation, in der Schule, in der Universität, in der Ausbildung mit dem Satz genervt: „Aber du bist doch in Russland geboren, also bist du Russe.“ Dass Russland bis zu 200 Völker beherbergt, von denen einige sogar autonome Regionen haben, das ist schon viel zu viel der Information. Zu viel Information.

Und oft sagt man mir hierzulande, ja, schau mal nach Amerika, in die USA, zu dem großen Vorbild. „In Amerika sehen sich alle als Amerikaner, wenn du dort geboren wirst, bist du Ami. Fertig aus.“

Ist das wirklich so einfach? Organisation wie Germans from Russia Heritage Collection (Fargo, Norddakota), geleitet von Michael Miller, mit dem ich seit zehn Jahren einen guten Kontakt pflege, oder die American Historical Society of Germans from Russia (Lincoln, Nebraska), zeigen mir, dass auch dort, wie überall auf der Erde, die Menschen ihre Herkunft, ihre Brauchtümer, in Ehren halten. Michael sagte mir einmal: „Ich bin sowohl Amerikaner wie auch Russlanddeutscher, Bessarabiendeutscher. Auf unser Erbe sind wir sogar sehr stolz. Schau mal nach Argentinien, das ist ein Musterbeispiel, zu den vielen Wolgadeutschen dort, die immer viel über ihre Herkunft zu erzählen haben.“

Im US-Bundesstaat Norddakota leben prozentuell die meisten US-Amerikaner russlanddeutscher Herkunft (20 % aller Einwohner dieses Staates können ihre Wurzeln auf unsere Landsleute zurückführen (Norddakota hat rund 670.000 Einwohner); Argentinien beherbergt mehr als 3,5 Mio. Deutschstämmige, von denen sich wiederum mehr als 2. Mio. als Wolgadeutsche sehen.

Auch die USA ist ein Vielvölkerstaat. In den meisten Fällen steht Mentalität und Herkunft über dem Geburtsort.

Übrigens, Deutschland hat auch ethnische Minderheiten (was man merkwürdigerweise immer wieder vergisst): Es sind die rund 60.000 slawischsprechenden Sorben oder Wenden. Seit – sage und schreibe- 1200 Jahren sind sie in Deutschland (in der Lausitz in Sachsen und Brandenburg) ansässig. Ihre Vorfahren wanderten aus dem Karpatengebiet ein. Zum Vergleich: Die Wolgadeutschen lebten in Russland rund 250 Jahre lang. Die Siebenbürger Sachsen übrigens seit 800 Jahren in Rumänien. Und wenn sie die Siebenbürger nach ihrer Nationalität fragen, antworten die: „Rumänische Staatsbürger, aber eben Deutsche.“

Natürlich, entscheidend bei den Russlanddeutschen war nicht zuletzt, dass sie sich 1. nach der Auswanderung nach Russland gar nicht assimilieren (also mit den Einheimischen verschmelzen) wollten, dass sie aufgrund ihrer deutschen Abstammung während des Krieges und Jahrzehnte danach als Aussätzige galten. Und das prägt enorm. Kennen sie die Sowjetischen Ausweise? Staatsangehörigkeit: sowjetisch, Volkszugehörigkeit: deutsch, fand sich dort nämlich niedergeschrieben. Damit war man gezeichnet.

Ja, das Thema Integration ist auch so eine wichtige Sache:

In Wirklichkeit gibt es zwei Kategorien der Integration in eine Gesellschaft. Leider wird von diesen beiden nur eine in den Vordergrund gestellt, während die andere aus – sagen wir Stolz – ignoriert wird, obwohl sie für ein psychisch gesundes Leben sehr bedeutend ist:

Zum einen haben wir da die Integration in die Arbeitswelt.

Diese wird in den Vordergrund gestellt.

Zum anderen haben wir da aber noch die Mentale Integration in eine neue Staatsnation (bzw. In ein neue Gesellschaft).

Warum wird immer gern nur von der ersten gesprochen? Man redet ja häufig von, ja, ich hab hier einen Job, ein Auto, ein Haus, also bin ich integriert. Selbst wenn der Job vielleicht mies ist, und auf der Arbeit dich jeder – selbst nach Jahrzehnten – wegen deiner Herkunft für einen Fremden hält.

Wirklich ein Familienmitglied einer neuen Gesellschaft werden, dieses Ziel wird selten erreicht. Und der Grund dafür ist, wenn wir die russlanddeutschen Spätaussiedler nehmen, das Stichwort: Russland oder ehem. Sowjetunion. Leider wird noch heute im Westen mit Russland etwas eher Negatives und Unkultiviertes assoziiert. Wenn Laien die Bezeichnung Russlanddeutsche hören, so überschattet in deren Kopf das Russische, das Deutsche. Das alles ist verständlicherweise kriegs – und medienbedingt. Schon gar nicht denkt man daran, dass diese Deutschen aus der Sowjetunion eben solche vom Krieg Gepeinigte waren; Vertriebene, Deportierte; ja, sie waren auch die Fleißigen, aber dennoch die Fremden.

Wir müssen die Bezeichnung Russlanddeutscher positiver gestalten, unser Image aufbessern. Dies ist eine wichtige Aufgabe.

Immer noch weißt die bundesdeutsche Gesellschaft kaum etwas Genaues über Russlanddeutsche; man nimmt an, es seien lediglich Russen, die in Deutschland ihren Wohnsitz haben. Und aufgrund der alten Abneigung vor Russland, misstraut man all dem, was der Russlanddeutsche über sich zu sagen hat. Dann verweist man mich sofort auf die trinkfesten russischen Jugendlichen in heruntergekommenen Ghettos. Na und, denk ich mir aber. Hat nicht jede Volksgruppe ihre Dummköpfe? Gibt es etwa keine Spinner unter den Bundesdeutschen? Und haben Russlanddeutsche nicht auch das Recht, auch mal aus der Reihe zu springen? Immerhin sind sie Menschen. Vergessen wir nicht, wie viel diese deutsche Minderheit in der UdSSR bewegt hat, wie viele Verluste sie überwunden hat. Und trotz all dem haben die russlanddeutschen Aussiedler – bereits in der Bundesrepublik – es zu großen Leistungen gebracht. Nicht nur herausragende Arbeiter, auch angesehene Sportler und Künstler in diesem Land sind Russlanddeutsche. Wir müssen endlich veraltete Klischees auseinander nehmen. Bei bei dieser mentalen Inegration haben immer zwei Seiten mitzuspielen. Auf der einen Seite sind es wir, auf der anderen die „Einheimischen“, die sich uns öfnen müssten, die Ohren spitzen müssten. Ignoranz ist meiner Meinung nach das größte Problem. Wir müssen uns als Brüder und Schwestern begegnen.

Wir Russlanddeutsche kommen heute aus so vielen verschiedenen Ländern, doch untereinander sollten wir uns als Familie wahrnehmen und die Staatsbürgerschaften für einen Moment ablegen.

Und außerdem: wenn man in einer guten Familie lebt, oder gute Freunde hat, wird man auch noch glücklicher zur Arbeit pendeln, bzw. eine bessere Arbeit haben.

Wichtig ist auch, zu verstehen, dass eine mentale Integration in eine Staatsnation, in diesem Fall in die bundesdeutsche, für die Russlanddeutschen nicht bedeutet, dass sie sich damit aufgeben sollen. Hier müssen auch die Einheimischen begreifen – und wir es ihnen weis machen -, dass der Russlanddeutsche – wie ein Sachse, Schwabe oder ein Bayer – zur deutschen Nation gehört. Das eine, schließt das andere nicht aus.

Noch ein paar abschließende Worte zum Thema in einer neuen Gesellschaft ankommen:

Du kannst einem Neuankömmling einen 100-Euro-Schein oder einen deutschen Pass in die Hand drücken, und doch wird er kein Deutscher werden.

Denn solange du ihn nicht als gleichgestellt, als Mitglied der Familie „Deutsches Volk“ ansiehst, wird er das natürlich spüren und sich abkapseln. Weil Wärme mehr wert in Sachen Beheimatung hat, als ein Stück Papier.

Ein Lächeln, ein Handschlag, sein Wort halten, so wird die richtige Integration gemacht.

Wenn dein Arbeitskollege zu dir sagt, würdest du nicht doch lieber in der russischen oder ukrainischen Armee deinen Dienst leisten, oder warum du keine deiner schönen Russinnen geheiratet hast, oder ob deine melancholische russische Seele nicht doch sehnsüchtigste in den Osten schaut, oder warum du nicht so viel auf dem Schützenfest trinken magst, obwohl du doch Russe bist, und das alles nachdem du als deutscher Aussiedler hierhergekommen bist, und die Einheimischen dich seit Jahrzehnten kennen müssten – spätestens dann weißt du, wo du tatsächlich stehst.

Die Amerikaner, die Nord- und Südamerikaner, russlanddeutscher Herkunft, können manch einem von uns wieder einen größeren Funken Stolz einimpfen. Denn diese Leute sind besonders stolz auf die Leistungen ihrer Vorfahren, auf ihre Herkunft von einem aktiven und fleißigen Volk.

Zum Abschluss noch: Jeder von uns kann seinen Beitrag zum Erhalt und zur Förderung unserer russlanddeutschen Kulturgemeinschaft leisten. Lange Zeit bestand mein persönlicher Beitrag aus Schriften zur Integrationsproblematik und zur Kultur. Nahezu alle der über 500 Wikipedia-Artikel über bekannte Russlanddeutsche stammen von mir allein. Mit den nötigen Quellenangaben natürlich. (zB. Tatjana Arntgolz, Viktor Schnittke, Dominik Hollmann, Andreas Prediger, August Lonsinger, Hugo Jedig, Andrej Dulson u.v.m). Nie habe ich dafür Geld verlangt, das ist eher eine Art – kleine Leidenschaft; ich arbeite nach dem Motto, wenn du es nicht machst, macht es sowieso keiner. Informationen verbreiten ist sehr wichtig. Denn besonders die Jugend informiert sich auf eher einfachem Weg; alles wird bei Google eingegeben, und es erscheint gleich darauf der Wiki-Aritkel auf der ersten Seite. Also, es bleibt zu sagen: Vergessen wir nicht unsere Tugenden:

unseren Familiensinn,

unser Hochhalten der Geschichten,

der Leiden- und auch Erfolgsstories der Vorfahren und unser starker, ausdauernder Wille.

Wir sind und bleiben weiterhin Leistungsmenschen.

Edgar Seibel
Werbetexter, Übersetzer, Buchautor






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