Rede von Dr. Robert KORN auf dem Kongress der Russlanddeutschen in Berlin am 29. April 2018

Sehr geehrter Herr Vorsitzender!
Sehr geehrte Damen und Herren!
Liebe Landsleute!

Nach der Internet-Schlammschlacht der letzten Wochen wirkt auf mich die Teilnahme an dieser Versammlung wie ein Erfrischungsbad. Die Urheber der genannten Hetzkampagne haben offensichtlich das bekannte Sprichwort vergessen, nämlich: „Wer gegen den Wind speit, der speit bekanntlich auf sich“. Und dabei könnte man es wohl auch bewenden lassen. Ich werde dieses Thema trotzdem kurz anschneiden, weil mich einige Teilnehmer an unserer Veranstaltung darum gebeten haben. Und ich habe auch durchaus Verständnis für die Forderungen, gegen die genannten Widersacher wegen ihrer unverschämten, unbegründeten und zum Teil sogar obszönen Diffamierungen gerichtlich vorzugehen. Man denke dabei an die böswilligen Äußerungen wie „Kongress der Verräter“ oder an die verleumderische und dämliche Behauptung, die „Wiedergeburt“-Führung habe seinerzeit „eine heimliche Abmachung mit dem Staatssekretär H. Waffenschmidt getroffen, um die Ausreise der Russlanddeutschen in die Bundesrepublik zu verhindern“ u. a., von Obszönitäten aller Art schon ganz zu schweigen. Es wird also nicht nur eine ganze Vereinigung unter Generalverdacht gestellt, sondern auch die damalige Politik der Bundesregierung unbegründet und auf eine dämliche und rotzfreche Art und Weise diffamiert.

Ich persönlich halte von rechtlichen Schritten gegen diese Denunzianten, die es nicht einmal  wert sind, bei Namen genannt zu werden, nicht viel, weil es sie nur aufwerten wird. Die Entscheidung darüber wird wohl nach dem Kongress zu treffen sein. Hier möchte ich nur ganz kurz darauf eingehen, worauf aus meiner Sicht die genannten Anschuldigungen zurückzuführen sind.

Die Hetzkampagne, die einige wenige Denunzianten am Vorabend unseres Kongresses vom Zaun gebrochen haben, ist natürlich kläglich gescheitert. Jedenfalls kann da von einer hohen Resonanz, die sich diese Verleumder offensichtlich erwünscht haben, keine Rede sein. Aus meiner Sicht ist das vor allem darauf zurückzuführen, dass sich die meisten unserer Landsleute an die Aktivitäten der „Wiedergeburt“, der ersten und einzigen Organisation der Russlanddeutschen in der Sowjetunion der Nachkriegszeit, noch gut erinnern können.

Unsere politische Tätigkeit hat der erste „Wiedergeburt“-Vorsitzende, Dr. Heinrich Groth, soeben umrissen. Ich möchte daher an einige unserer Aktivitäten im Bereich Aufklärung und Kultur erinnern. Sie können sich bestimmt an die zahlreichen  deutschen Chöre und Laienkunstgruppen erinnern, die in den 1980er Jahren von den „Wiedergeburt“-Funktionsträgern ins Leben gerufen worden sind. Ein wahrer Enthusiast war in dieser Hinsicht Jakob Fischer, damals stellvertretender Direktor des Deutschen Theaters, der ins „Wiedergeburt“-Präsidium gewählt worden ist und sich mit Leib und Seele für unsere Laienkünstler eingesetzt hat. Man denke an die zahlreichen Konzerte und Festivals,  die er allerorts initiiert und veranstaltet hat. Und man könnte noch eine ganze Reihe von anderen Landsleuten nennen, die sich dieser Tätigkeit widmeten.

Fruchtbar gestaltete sich auch unsere Zusammenarbeit mit dem VDA (Verein für das Deutschtum im Ausland). Allein in Alma-Ata wurden mit unserer Unterstützung deutsche Gruppen in Kindergärten und deutsche Klassen in Schulen ins Leben gerufen. Wir haben nach Kräften zur Organisation von Fahrten für Schüler und Studenten in die Bundesrepublik beigetragen, sogar einige Fachleute – z. B. Ärzte – bekamen durch unsere Vermittlung die Möglichkeiten, in der Bundesrepublik ein Berufspraktikum abzuleisten, was ihnen später bei der beruflichen Integration in Deutschland zweifellos zugute kam. Und das sind nur einige wenige Beispiele unserer Aktivitäten, die ausschließlich ehrenamtlich und in arbeitsfreier Zeit geleistet wurden. Es handelte sich dabei nicht um Scheinmaßnamen, die unsere Landsleute von der Auswanderung ablenken sollten, wie einige unserer Opponenten heute behaupten. Diese Tätigkeit sahen wir als einen wichtigen Bestandteil unserer Anstrengungen an, die zur Wiederherstellung unserer Rechte und vor allem der Autonomie beitragen sollte.1   Diese Ziele haben wir aus verschiedenen Gründen nicht erreicht, aber wir haben zweifellos die gesellschaftliche Aktivität unserer Landsleute geweckt und zur Stärkung unserer Solidarität, unseres Zusammengehörigkeitsgefühls beigetragen.

Es muss hier hinzugefügt werden, dass es unter uns auch Landsleute gegeben hat, die an eine Zukunft in der Sowjetunion und an die „Wiederherstellung der Gerechtigkeit“ von vorn herein nicht geglaubt und daraus auch kein Hehl gemacht haben. Das hinderte sie aber nicht daran, sich mit ihren  Landsleuten zu solidarisieren, sich nach Kräften für die Belange unserer Volksgruppe einzusetzen und sich im Aufklärungs- und Kulturbereich einzubringen.

Für Teile unserer Landsleute, die sich passiv verhalten haben, kann und muss man dabei mit Rücksicht auf unsere Geschichte natürlich Verständnis zeigen. Wer aber seine Untätigkeit damit erklärt, dass er an das Hauptziel der „Wiedergeburt“ nicht geglaubt habe, hadert mit sich selbst. Es sind faule Ausreden. Nicht mehr und nicht weniger. Noch schlimmer ist es, wenn das eigene Nichtstun dadurch erklärt wird, dass die „Wiedergeburt“-Bewegung vom Geheimdienst KGB initiiert und geleitet worden ist und sich das Ziel gesetzt hat, die Ausreise der Russlanddeutschen in die Bundesrepublik zu verhindern. Wer das behauptet, ist ein Denunziant. Und man kann es nur bedauern, wenn einige junge Landsleute diesem Irrsinn Glauben schenken, was meistens auf Unkenntnis und Ignoranz zurückgeht.

Man muss nämlich wissen, dass wir unsere Tätigkeit stets transparent und legal gestaltet haben. Es war ja eines unserer Ziele, die Lage der Deutschen in Russland in die breite Öffentlichkeit zu bringen. Zahlreiche Presseerklärungen und –berichte bestätigen das. Heute weiß jeder, dass sich die Hoffnungen auf die so genannte „Perestsroika“ als Illusionen erwiesen. Damals war es zunächst anders. Wir haben auf positive Änderungen von oben gehofft und an die „Wiederherstellung der Gerechtigkeit“ geglaubt. Unsere Eingaben an die Regierungsinstitutionen wurden daher offen und demokratisch angenommen und meistens auch in den Massenmedien veröffentlicht.

Andererseits hatten wir immer Verständnis für Landsleute, die sich entschieden hatten, die Sowjetunion für immer zu verlassen. Und zwar auch schon bevor wir die Losung „Autonomie oder Ausreise!“ ausgegeben hatten. Auch das ist hinreichend dokumentiert. Und wer das Gegenteil behauptet, kennt den wahren Sachverhalt nicht oder entstellt ihn bewusst. Mit Rücksicht auf die mir gesetzte Zeit will ich das nur mit einem Zitat veranschaulichen. G. Wolter, Funktionsträger der „Wiedergeburt“, sagte auf dem 1. Kongress der Russlanddeutschen unter anderem:

„… man muss die objektiven Bedingungen berücksichtigen, die der Bundesregierung von der Zahl und Aufnahmefrist der Aussiedler aus der Sowjetunion diktiert werden, nämlich 150 bis 200 Tausend Menschen jährlich im Laufe von acht bis zehn Jahren. So ist die Realität, wie wir sie heute sehen.

Für eine Generation ist das eine lange Frist, eine andere Sache ist es, wenn es sich um die Geschichte eines Volkes handelt, das einst seine Heimat verlassen hat und jetzt genötigt ist zurückzukehren. Diese Zeit muss jeder dafür nutzen, um der Bundesregierung und sich selbst bei der Integration in die westeuropäische Gesellschaft zu helfen, insbesondere, wenn man berücksichtigt, dass sich diese im Laufe der genannten Zeit noch weiter entwickeln wird.

Dafür müssen wir alle vor allem Deutsche bleiben… 2 Wenn das gegen die Ausreise gerichtet ist! Die Vertreter unserer jüngeren Generation sollten das lesen und den Denunzianten und Verleumdern unter die Nase halten.

Leider ist es eine traurige Tatsache, dass einige unserer jungen Landsleute aus Unkenntnis der eigenen Geschichte, Denunzianten und Demagogen manchmal auf den Leim gehen. Wer die eigene Vergangenheit nicht kennt, kann sehr oft die Spreu vom Weizen nicht trennen und lässt sich leicht manipulieren. Dabei haben die meisten unserer „Kritiker“ des Öfteren mehr als „Katharina hat uns eingeladen“ nichts zu vermelden. Deshalb ersetzen sie das fehlende Wissen mit dämlichen Erfindungen und Obszönitäten.

Die Unkenntnis der eigenen Geschichte führt zur Entwurzelung. Deshalb sind insbesondere jüngere Landsleute gut beraten, wenn sie zu einschlägigen geschichtlichen Darstellungen und insbesondere zu Quellensammlungen greifen, die ja in jüngster Zeit glücklicherweise zugänglich geworden sind. Auch das Internet bietet heutzutage viele Möglichkeiten für die Selbstbildung. Sehr informativ ist aus meiner Sicht die Internetseite „Geschichte der Wolgadeutschen“. Aufklärend sind die Augenzeugenberichte in der Darstellung „Die Zone der totalen Ruhe“ von G. Wolter. V. Diesendorf hat in seinem Buch „Прощальный взлёт“ (Abschiedsaufflug) in literarischer Form unsere nationale Bewegung dargestellt. Erkenntnisreich sind auch die Romane „Dom skital’za“ (Das Haus des Heimatlosen) und insbesondere „Sow“ (Der Ruf) von H. Belger, die jetzt erfreulicherweise auch in Deutsch zugänglich sind.

Es muss aber auch darauf hingewiesen werden, dass viele hiesige Journalisten und Politiker von unserer Geschichte nur vage Vorstellungen haben. So hat einmal Norbert Blum (CDU!), der in der Kohl-Regierung Arbeitsminister war, in Bezug auf die Aussiedler behauptet: „Wir können nicht jeden aus der Rentenkasse bedienen, der zu uns mit einem deutschen Schäferhund kommt“. Ich werde das niemals vergessen, weil es eine schallende Ohrfeige für alle Deutschen aus Russland und eine himmelschreiende Frechheit zugleich war, denkt man daran, dass N. Blum sehr gut gewusst hat, dass die Aussiedler viel mehr in die Rentenkassen einzahlen als sie daraus beziehen. Leider sind unsere Vertreter lange nicht immer in der Lage, solchen schmählichen Ausfällen mit besonnenen Argumenten entgegenzutreten.

Andererseits vergessen wir oft, dass einige für uns selbstverständliche Details hier weitgehend unbekannt sind. So ist in der Bundesrepublik jeder, der einen deutschen Pass hat, Deutscher. Dass in Sowjetpässen bis zuletzt die Volkszugehörigkeit, in unserem Fall die deutsche, angegeben worden ist, kommt unseren einheimischen Mitbürgern kaum in den Sinn. Von dieser Unkenntnis ist wohl auch die Frage der Journalisten abzuleiten, nämlich: „Sie sind doch selbst nach Deutschland geflohen, warum sind Sie jetzt gegen die Flüchtlinge?“, die neulich immer wieder gestellt wird, um uns offensichtlich in Verlegenheit zu bringen und dann der „Ausländerfeindlichkeit“ zu beschuldigen. Was kann man dazu sagen?

– Erstens, wir sind nicht gegen die Flüchtlinge. Wir sind gegen die verantwortungslose Politik der Merkel-Regierung, die die unkontrollierte und gesetzwidrige Massenzuwanderung in unser Land gezielt fördert und mit Steuergeldern finanziert.

– Zweitens, wir kommen aus einem multinationalen Staat und wissen, was das bedeutet, als Minderheit in einem antideutsch geprägten Land zu leben. Wir sind nach Deutschland, in unsere historische Heimat, gekommen, um als Deutsche unter Deutschen zu leben und nicht mehr diskriminiert zu werden. Das Diskriminierungsverbot ist ein wichtiger Bestandteil der internationalen Europäischen Menschenrechtskonvention. Doch wenn wir die Merkel-Politik nicht stoppen, können wir sehr bald wieder zur Minderheit werden. Diesmal auf deutschem Grund und Boden. Und das ist keinesfalls eine Übertreibung. In einigen Städten haben die Deutschen schon heute keine Mehrheit. Die deutschen Kinder sind in den Schulen meistens in der Unterzahl. Schulklassen, in denen es, wenn überhaupt, lediglich zwei bis drei deutsche Kinder gibt, sind keine Seltenheit.

Immer mehr Menschen in unserem Land lehnen sich gegen diese widersinnige antideutsche Politik auf. Wir können und müssen zu diesem Prozess wesentlich beitragen. Und das wird erst dann möglich sein, wenn wir miteinander und nicht gegeneinander kämpfen. Widrigenfalls werden sich die Mitbürger von uns angewidert abwenden.

Vielen Dank!

1 Die Ausreise in die Bundesrepublik war ja bis in die 1980er Jahre hinein nur im Zuge der so genannten Familienzusammenführung möglich. Nur wer in Deutschland „Verwandte ersten Grades“ hatte, konnte auf die Ausreisegenehmigung hoffen. Und das waren die wenigsten. 

2… надо учитывать объективные условия, которые диктуют правительству ФРГ объемы и сроки приема переселенцев из Союза – 150-200 тысяч человек ежегодно на протяжении 8-10 лет. Такова реальность, как она видится нам на сегодняшний день.

Для одного поколения – это большой срок, иное дело – для истории народа, некогда покинувшего родину, а теперь поставленного перед необходимостью вернуться назад. Это время каждый должен использовать для того, чтобы помочь ФРГ и самому себе в деле интеграции в западноевропейское общество, особенно с учетом того, что оно уйдет еще дальше в своем развитии.

Для этого все мы, прежде всего, должны остаться немцами…“ См. сборник «История российских немцев в документах». Москва, 1994, том 2, стр. 373.






Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.